Vor dem Schreibtisch - hinter dem Schreibtisch

Sommer 1996 – Endlich überreicht uns der Schulleiter der Gesamtschule die Zeugnisse. Ich halte meinen Realschulabschluss in der Hand. Noch ist es etwas schwierig, denn ich bin gestern erst aus dem Krankenhaus entlassen worden und nach der Knie –OP benötige ich noch beide Gehstützen.

Ich werde als Einzigste meines Jahrganges die gymnasiale Oberstufe besuchen. So fällt der Abschied von den bisherigen Klassenkameraden etwas schwer. Doch ich möchte Lehrerin werden. Und ohne Abitur ist mein Traumberuf nicht zu realisieren.
Also besuche ich nach den Sommerferien die Oberstufe eines nahegelegenen Gymnasiums. Neue Lehrer, neue Schule, neue Klassenkameraden. Alles ist neu und vieles muss wieder erkämpft werden: Sportbefreiung, Schreibverlängerung bei den Klassenarbeiten etc.
Leider ist der Stundenplan so ungünstig, dass ich nach  jeder Schulstunde Treppen steigen muss. Von oben nach unten und dann wieder nach oben. Ein ewiges hin und her. Der Unterrichtsstoff ist anstrengend und ich merke erst jetzt, was ich eigentlich alles noch lernen muss, um mithalten zu können
Die Hausaufgaben dauern lange und wollen nicht enden, denn ich will ja einiges aufholen. Doch da ist ja ein Ziel: mein Traumberuf. So mühe ich mich und nach einiger Zeit sind die ersten Erfolge zu verzeichnen, denn ich kann mich endlich auch aktiv am Unterricht beteiligen.

Doch dann kommt alles anders:

Die rheumatische Entzündung wird immer stärker und ich muss in einer Rheumaklinik aufgenommen werden. Drei Wochen werde ich mit Cortison und allerlei anderen Medikamenten vollgestopft. Verschiedene Therapien werden ausprobiert. Die Entzündung im Kniegelenk ist so stark geworden, dass ein weiterer Cortisonstoß folgen muss. Sechs Wochen habe ich nun schon in der Schule gefehlt, die Mitschüler haben mir zwar alle Unterlagen geschickt, doch ich werde die Lücke nicht mehr schließen können. Dafür hat mir beim Wechsel von der Realschule in die gymnasiale Oberstufe schon zuviel gefehlt. Was soll ich nun machen? Dass ich die 11. Klasse wiederholen muss, ist mir aufgrund der vielen Fehltage klar.

Doch gibt es nicht vielleicht auch noch eine andere Möglichkeit? Ich will mich auf jeden Fall über Alternativen informieren.
Ich erhalte einen Termin bei der Berufsberatung des zuständigen Arbeitsamtes.
Bei diesem Gespräch sitzt meinen Eltern und mir ein netter Berufsberater für Schwerbehinderte und Rehabilitanden gegenüber. In dem Gespräch zeigt er mir mehrere Möglichkeiten auf, die für mich in Betracht kommen. Er schlägt mir vor, einen Berufsausbildungsplatz zu suchen. Doch Mitte November sind die guten Ausbildungsplätze  meist schon besetzt. Außerdem ist da ja noch mein Traumberuf. Wie kann ich ohne Abitur Lehrerin werden? Schnell ist geklärt, dass ich mit der mittleren Reife Erzieherin oder Kinderkrankenschwester werden kann, aber nicht Lehrerin! Doch für beide Berufe, die ohne Abitur möglich sind, bin ich wohl körperlich nicht geeignet. Also suchen wir nach einem passenden Beruf für mich. Zwei Bedingungen gibt es: Der Beruf soll im sozialen Bereich sein und etwas mit Menschen zu tun haben.

Drei Stellenangebote für einen Ausbildungsplatz nehme ich mit nach Hause.

Ich sende wenige Tage später meine drei Bewerbungen an eine Krankenkasse, die Betriebskrankenkasse eines großen Automobilkonzerns und das Arbeitsamt. Der Berufsberater hat mich auf Ausbildungsplätze beim Arbeitsamt hingewiesen.

Auf die Bewerbungen kommen sehr schnell die Rückantworten: Bei der Krankenkasse sind bereits alle Plätze besetzt.
Der Automobilkonzern lädt zu einem Eignungstest Mitte Januar ein.
Beim Arbeitsamt habe ich einen Vorstellungstermin Ende Januar.

Der Eignungstest beim Automobilkonzern ist anstrengend, da man stundenlang stillsitzen und sich konzentrieren muss. Irgendwie ist es eine Massenabfertigung, denn über 100 junge Leute nehmen an diesem Test teil. Ich mache mir also keine großen Hoffnungen, denn ich habe in den Bewerbungen  auf meinen Schwerbehindertenausweis hingewiesen. Die Absage kommt erst im Juni 1997.

Das Vorstellungsgespräch beim Arbeitsamt verläuft sehr gut.
Verwaltungs- und Ausbildungsleiter sind sehr nett und wir reden offen über mögliche Probleme während der Ausbildung. Irgendwie habe ich ein positives Gefühl nach diesem Gespräch. Hier würde ich gerne arbeiten.

Banges Warten beginnt.

Doch schon einige Tage später kommt die Einladung zur Eignungsuntersuchung.
Sie verläuft gut und ich bin zumindest körperlich für diesen Beruf geeignet.

Tatsächlich kommt einige Zeit später die Einstellungszusage.

Ab 1. September 1997 bin ich Auszubildende des Arbeitsamtes. Hurra!!!

Doch in den sieben Monaten bis zur Einstellung kann ich nicht zu Hause rumsitzen und nichts tun. In die Schule gehen und versuchen, das Versäumte aufzuholen ist sinnlos, denn ich werde die 11.Klasse nicht wiederholen. Das steht jetzt endgültig fest.
Also frage ich im örtlichen Kindergarten nach, ob ich dort für sieben Monate als Praktikantin arbeiten kann. Schließlich habe ich immer noch meinen Traumberuf im Hinterkopf: Lehrerin. So arbeite ich kurz darauf  im evangelischen Kindergarten. Donnerstags gehe ich doch noch in die Schule, denn Berufsschulpflicht besteht noch für mich. Es ist eine wunderschöne Zeit und ich genieße es mit den Kindern zu spielen, zu basteln, oder durch den Garten zu toben. Ein besonderes Erlebnis ist allerdings mein 18.Geburtstag. 125 Kindern feiern mit mir und lassen mich „Hoch leben“.

Im Mai 1997 werde ich zur Unterzeichnung des Ausbildungsvertrages eingeladen. Dort lerne ich auch zum Erstenmal die anderen sieben Auszubildenden und das Team der Aus- und Fortbildung des Arbeitsamtes kennen. Am 01.09.1997 beginne ich meine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsförderung. Die Berufsschule findet in Frankfurt statt und so pendeln wir blockweise hin und her. 6 Wochen Frankfurt, dann wieder 6 Wochen Praktikum und Fachpraxis im Heimatarbeitsamt. So geht das immer weiter. Bei mir kommen leider noch drei Krankenhausaufenthalte hinzu, bei denen ich wieder einige wichtige Unterrichtsstunden verpasse. Doch die anderen Auszubildenden machen mir Kopien von ihren Aufzeichnungen und so kann ich das Versäumte einigermaßen nachholen. Nach der Zwischenprüfung habe ich die Möglichkeit die Ausbildungszeit zu verkürzen. Ich bin etwas skeptisch, denn meine rheumatische Entzündung ist immer noch sehr aktiv und ich muss jederzeit mit einem längeren Klinikaufenthalt rechnen. Doch mein Ausbildungsleiter redet mir gut zu, und so verkürze ich meine Ausbildung. Am 21.03.2000  ist endlich die mündliche Prüfung. Ich bestehe sie mit gutem Erfolg und bin endlich Fachangestellte für Arbeitsförderung.
Viele verschiedene Tätigkeiten habe ich seither ausgeübt. Immer habe ich dabei mit Menschen zu tun. Heute arbeite ich als Arbeitsvermittlerin und berate selbst jeden Tag Menschen bei ihrer Berufswahl oder Stellensuche.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

So habe ich doch meinen Traumberuf verwirklicht. Ich bin „Lehrerin“!

Ob es die Erklärungen und Unterweisungen während des Praktikums der Auszubildenden, das Anlernen eines neuen Kollegen oder die Hilfe bei einem Computerproblem sind. Irgendwie bin ich doch Lehrerin, denn ich erkläre jemand anderem etwas.
Ich habe zwar im Moment wenig mit Kindern zu tun, doch begleiten immer wieder Kinder ihre Eltern. Sie freuen sich über ein kinderfreundliches Büro, in dem es Malstifte und Gummibärchen gibt.

Ja, und wenn ich in die Berufsberatung komme, bin ich unendlich dankbar und glücklich.

Auch wenn ich meinen eigentlichen Traumberuf verloren habe, so habe ich einen neuen Beruf gefunden, den ich liebe.  
Ich wünsche allen jungen Menschen ebenso eine solche positive Erfahrung (hoffentlich durch den Berufsberater).

Ich würde mich freuen, wenn ich in Zukunft einige der jungen Rheumatiker nicht nur vor meinem Schreibtisch treffe, sondern auch hinter dem Schreibtisch, als Kollegen.

Bis dann!

Michaela Fritsch