Aus vollem Herzen

Doreen Lange. Foto: privat

Es begann mit einem Link auf ein YouTube-Video: Eine junge Rheumabetroffene schrieb an die Rheuma-Liga, weil sie gerne singt. Ein Porträt einer jungen Frau, die sich ihr Leben ohne Musik nicht mehr vorstellen kann.

Drei Minuten und zwei Sekunden Gänsehaut – so ging es mir, als ich zum ersten Mal das Video von Doreen Lange anklickte. Ihre Stimme ist so ausdrucksstark! „Can you feel the love tonight“ – diesen Titel von Elton John hat Doreen Lange mit zahlreichen Fotos aus dem privaten Umfeld, aber auch aus ihren vielen Krankenhaus-Aufenthalten unterlegt. Meine Tränendrüsen wurden sofort angeregt. Ich war fasziniert. Für mobil machte ich mich auf den Weg ins sächsische Freiberg, um mehr über ihr Gesangstalent und natürlich über die 27-Jährige selbst zu erfahren.

Lebensfreude pur

An einem heißen Augusttag treffe ich die zierliche junge Frau, deren rheumatoide Arthritis schon auf den ersten Blick sichtbar ist. Doch die Krankheit wird ausgeblendet von ihrer unwahrscheinlichen Lebensfreude und herzlichen Ausstrahlung. Seit ihrem dritten Lebensjahr ist Doreen Lange an rheumatoider Arthritis erkrankt. Genauso lange singt sie schon. „Ich singe nach Gehör. Noten lesen kann ich nicht und Gesangsunterricht hatte ich auch nie. Vielleicht habe ich mein Talent von meinem Opa geerbt. Der konnte auch verschiedene Musikinstrumente einfach nach Gehör spielen“, erzählt sie.
Durch stetes und gezieltes Üben und gute Selbstbeobachtung entwickelt sie ihre Stimme mit den Jahren immer weiter. Doreen singt querbeet: Pop, Schlager oder Balladen. Lieder, deren Texte einen tieferen Sinn haben, mag sie besonders. Auch a capella klingt sie wunderbar. Doreen singt eigentlich immer und in jeder Lebenslage, weil es ihr einfach Spaß macht. Für sie ist das Singen auch ein wunderbares Mittel gegen ihre Schmerzen. „Wenn den Leuten mein Gesang gefällt oder ich sehe, dass sie emotional berührt sind und sie es genießen, ist es für mich das Größte.“ Sogar bei Visiten in der Kinderrheumaklinik hat sie schon gesungen.
Was möchte sie mit ihrer Musik erreichen? „Ich würde gern mit meinem Gesang Mut machen und ein positives Gefühl vermitteln. Den Leuten soll mein Gesang gefallen. Ich möchte damit etwas zurückgeben, was ihnen gefällt, mich quasi bedanken für vieles, wo man mir Gutes getan hat. Da das körperlich nicht möglich ist, tue ich es mit meinem Gesang.“ Eine wunderbare Einstellung.

Erlebnis im Tonstudio

Doreen erfüllte sich sogar ihren Traum von einer eigenen CD: Im April 2014 nahm sie in einem Tonstudio in Löbau fünf Titel auf, darunter auch „So kann das Leben sein“ von Helene Fischer. „Dieser Song passt genau auf mich und mein Leben mit der RA (rheumatoide Arthritis). Das wird schon deutlich in der ersten Zeile: ‚Ich will sein wie ich bin, der Tag hat seinen Sinn‘“, schwärmt sie. Doreen ist noch heute ganz ergriffen von dem Tag im Tonstudio, den ihr Freunde geschenkt hatten. „Es war ein Wahnsinns-Feeling, über Kopfhörer zu singen. Ich war unglaublich aufgeregt und hoffte, dass ich ja nur nicht den Text vergesse.“ Diese Ängste waren natürlich völlig unbegründet. Im Oktober konnte sie dieses Gefühl ein zweites Mal erleben.

Keine Angst vor Publikum

Doreen singt auf Geburtstagsfeiern und Hochzeiten, meist im Freundes- und Bekanntenkreis. Auf dem heimischen Schlossplatz gibt sie mir spontan eine Kostprobe ihres Könnens, Klasse! Schon einmal hatte sie die Möglichkeit vor einem größeren Publikum aufzutreten. Anlässlich eines Schuljubiläums wurde ein Zirkusfest veranstaltet. Dort hat sie gemeinsam mit den Schulkindern in der Manege vor circa 450 Zuschauern gesungen. Ein absolutes Highlight, an das sie sich gern erinnert.
Gern würde sie auch auf weiteren größeren Veranstaltungen singen. An Ideen mangelt es Doreen Lange dabei nicht. „Ich kann mir auch vorstellen, auf Großevents, zum Beispiel von der Rheuma-Liga, Kinder-Rheuma-Stiftung oder auf entsprechenden Kongressen aufzutreten. Auch würde ich gern eine Mutmach-CD von Rheumatikern für andere Betroffene aufnehmen.“ Dazu bräuchte sie allerdings jemanden, der ihr eigene Texte schreibt. „Beim Singen fühle ich mich großartig, befreit, gesund, einfach richtig gut. Mit meinen Liedern möchte ich zeigen: So schlimm und schwer das Leben mit Rheuma auch ist, es geht weiter“, betont sie. „Auch weiß ich, dass es noch lange nicht in allen Köpfen ist, dass Rheuma auch Kinder betreffen und enorme negative Auswirkungen haben kann. Solch eine Botschaft kann man vielleicht mit Musik gut vermitteln – besonders, wenn man selbst betroffen ist.“
Für mich hätte Doreen Lange durchaus das Potenzial, bei der Teilnahme an einer der zahlreichen TV-Castingshows ganz weit vorne zu landen. „Ich würde schon gerne einmal die Meinung eines Profis, wie Dieter Bohlen, zu meinem Gesang hören“, gesteht sie. Doch ihre Leidenschaft will sie ganz bewusst nicht zum Beruf machen. „Ich glaube, das wäre auf Dauer für mich zu viel Stress. Ich würde es körperlich auch nicht packen. In einer Castingshow hätte ich außerdem Angst, dass ich nur weiterkomme, weil die Medien meine Story durch die Erkrankung ausschlachten können.“

Singend in der Schule

Deshalb nutzt sie die vorhandenen Möglichkeiten, Musik zu machen. So leitet sie in der Grundschule, in der sie als Sekretärin arbeitet, die Arbeitsgemeinschaft „Singmäuse“. Einmal pro Woche singt sie mit Kindern der Klassen 1 bis 4 eine Stunde lang. Später wird das einstudierte Programm beim jährlichen Talente-Fest aufgeführt. Und das absolute Highlight für jedes „ihrer“ Schulkinder ist es, wenn Doreen Lange über den Schulfunk persönlich und musikalisch zum Geburtstag gratuliert.
Zum Abschied möchte ich gerne noch wissen, was Singen für Doreen Lange bedeutet. Spontan, kurz und knackig kommt die Antwort, gepaart mit einem Strahlen von innen: „Alles!“

Zur Autorin

Christiane Reichelt, Redaktion mobil

Hinweis

Doreen Lange betreibt einen eigenen YouTube-Kanal. Wer auf der Seite www.youtube.de „Doreen Lange“ eingibt, gelangt zu ihren eingestellten Videos.