„Ich konnte nichts Positives mehr zulassen“

Eine Depression kann jeden treffen. Man sollte die Zeichen erkennen, sich nicht zu fein sein, sich dieses einzugestehen und professionelle Hilfe suchen – das ist zumindest die persönliche Erfahrung von Gordon Wolter.

Es war im September 2014 – eigentlich hätte ich mich morgens wie immer für die Arbeit fertig machen müssen. Aber etwas war anders. Ich hatte null Antrieb, fühlte mich platt, kraftlos, mutlos, meine ganze Lebensfreude war weg. Ein Rheumaschub? Aber die fühlen sich anders an. Von einem auf den anderen Tag war es mir nicht mehr möglich, einen normalen Alltag zu bewältigen. Ich fühlte mich wie gelähmt. Schon das Aufstehen war eine Qual. Ich habe mich in der Zeit total gehen lassen, unterband jegliche Kontakte, wollte nur meine Ruhe haben. Selbst das Essen fiel mir schwer. Ich war gefühlskalt, unfähig, Freude zu empfinden. Und ich konnte nichts Positives mehr zulassen.

Ich sprach mit meinem Rheumatologen und mit meinem Hausarzt. Beide kamen zu dem Schluss, dass das nichts „Rheumatisches“ sei. Sie gaben mir Kontakte zu Psychotherapeuten, bei denen ich mich ohne Wartezeit melden konnte. Als Erstes dachte ich: „Ich bin doch nicht gestört!“. Heute denke ich zugegebenermaßen anders darüber. Innerhalb einer Woche bekam ich einen Termin beim Psychotherapeuten – und war echt froh: Er nahm mir jegliche Zweifel, ich sei in irgendeiner Weise nicht „normal“. Zunächst bekam ich ein Antidepressivum, um meine Stimmung erst mal wieder aufzuhellen und meine negativen Gedanken ein Stück weit loszuwerden. Nach drei Wochen startete ich zusätzlich meine Gesprächstherapie.

Es stellte sich heraus, dass es vermutlich mehrere Auslöser für meine Depression gegeben hatte. Es dauerte etwa drei Monate, bis es mir erstmals etwas besser ging. Die Gespräche haben mich ein gutes Stück weitergebracht. Allerdings wollte ich die Medikamente gern absetzen und tat dies auch in Absprache mit dem Psychotherapeuten.

Damit ging es mir besser. Meine Lebensfreude kehrte langsam zurück. Ich konnte endlich mal wieder richtig herzhaft lachen und Spaß am Leben haben. Das verdanke ich nicht nur dem medizinischen Aspekt, sondern vor allem meiner Familie und meiner besten Freundin und bestem Freund. Sie und meine anderen Freunde waren für mich da und haben an mich geglaubt. Insgesamt war ich über neun Monate hinweg in Therapie. Mein Fazit: Es hat sich definitiv gelohnt. Mir geht es heute wieder richtig gut, die Depressionen sind weg. Wenn ich, was selten vorkommt, einen Anflug von einem Tief habe, höre ich Entspannungsmusik an und mache autogenes Training. Das bringt mich wieder in Balance. Ich finde, wir müssten offener über Depressionen sprechen können. Das ist leider immer noch zu sehr Tabu-Thema.

Mein Tipp: Egal, was euch belastet: Setzt euch kleine realistische Ziele, die ihr erreichen wollt. Dann merkt ihr rasch, dass es wieder bergauf geht. Man kann Depressionen besiegen.

 

Gordon Wolter ist Ausschussmitglied bei den Jungen Rheumatikern und freut sich über Feedback zum Artikel: undefinedgordon2003(at)web.de